Berchtesgadener Weg - "Berliner Variante"

Eine Woche im Verwall bei strömenden Regen hat ziemlich die Nerven strapaziert, aber endlich wird die Wetterprognose nicht besser, sondern gut. Freitagnachmittag leisten Dirk Schröder und ich uns eine Autobahnvignette und düsen nach Königsee. Die Überfahrt nach St. Bartholomä mitsamt Erklärungen, Hornblasen und Echo bringt nichts Neues, schließlich ist Dirk zum dritten und ich schon zum vierten Mal hier, allerdings sehe ich die Ostwand des Watzmann erstmals in ganzer Pracht.
Wir gönnen uns eine geräucherte Forelle und müssen dabei den telefonischen Bericht eines Bergwachtmannes über den letalen Ausgang seines Einsatzes mitverfolgen (wohl ein Wanderer mit Hitzekoller), gehen trotzdem frohgemut und früh ins Lager. Wecken ist um drei Uhr (Dirk ist dafür verantwortlich, ich hielt ein Stündchen später für durchaus angemessen) und wir sind trotzdem die Letzten: Alles Verrückte, die sich hier rumtreiben.
Wir quälen uns zu nachtschlafender Zeit ein paar Kalorien rein und auf geht's im Finstern gen Eiskapelle. Hier beginnt zwar die Beschreibung des Kletterführers, aber es ist dennoch bis zum Schuttkar ein erkennbarer Wanderweg. Von jetzt ab wird es aber ernster, wir überholen eine Oberlausitzer Seilschaft beträchtlichen Alters (zusammen bestimmt 125 Jahre) und ausgestattet mit noch beträchtlicheren Rucksäcken, wir hatten dagegen das Gepäck weitgehend minimiert (ein Halbseil, keine Exen, zwei Schlingen, vier Keile, Unterwäsche, Biwaksack und Fleecejacke, ein Liter Wasser pro Mund).
Da die Benützung eines Pickels nirgendwo verboten wird, gelangen wir mit selbigen und dann direkter als die uns Vorhergehenden zum ersten Sporn, ab jetzt sind wir auf unser eigenes Orientierungsvermögen angewiesen, da die Frühaufsteher, zudem des Weges kundig, unseren Blicken entschwunden sind. Weiter geht es links aufwärts, dabei über eine 3er Platte, die mit mehreren Bohrhaken verziert ist, was uns überrascht, aber auf lockere Routenfindung hoffen läßt.
Eingedenk der Austrocknungsprobleme, die die Seilschaften von Peter Beyer und Jörg Starke hatten, schlürfen wir uns an einer günstigen Stelle richtig satt, die für die Orientierung wichtige "Wasserfallwand" zu identifizieren, gelingt uns aber nicht. Wir toben einfach höher, doch es wird bald klar, daß hier nicht der Originalweg seinen Verlauf nimmt. Eine Umkehr halte ich wegen der gekletterten Schwierigkeiten aber nicht für machbar und entscheide mich weiter für die Flucht nach oben. Dirk schimpft fürchterlich über mich, die Wand und das Klettern; an einer Stelle kann ich ihm eine Sicherung basteln, IV+ mit 500m-Flugfeld zerrt offensichtlich an den Nerven: Wir erreichen ein Band unter einer horriblen Wand und es stellt sich die Frage: Nach links und dann über eine Rampe nach rechts, oder gleich über ein splittbedecktes Band nach rechts und durch eine nasse Verschneidung hoch. Glücklicherweise setzt sich Dirk durch, der meint: Mit Seil nach rechts und dann aufi. Wir vermasseln mit den nächsten 50m die richtig freie Begehung, stellen aber fest, daß das Wasser kaum stört und wir schon viel schwerer frei geklettert sind. Es dauert nicht lange und wir treffen einen Steinmann, offensichtlich hätten wir unten noch weiter rechts queren müssen
Nur kurze Zeit ist der Weg eindeutig und verliert sich dann wieder in den schuttigen Weiten der Wand, trotz Höhenmesser und Wegbeschreibung sind wir irgendwo in, unter oder bei der "Gipfelschlucht", steigen einfach höher; auch über ein steiles Firnfeld (Pickel), erreichen wieder einen Grat, siehe da: Steinmann. Nicht mehr weit und wir sitzen vor der Biwakschachtel (diese hält sogar vier Schlafsäcke bereit), es ist genau 12 Uhr.
Dumm, richtig dumm: Um Gewicht zu sparen, haben wir nicht den Führer mitgenommmen, sondern nur ein paar Seiten Kopien, ohne die Vollständigkeit zu prüfen. Der Hinweis "wie Kederbacherweg zum Gipfel" ist nur hilfreich, wenn selbiger bekannt ist, oder man seine Beschreibung hat.
Gedächtnis bemüht: Wir müssen in den Kamin, der vom Gipfel hinunterzieht. Ein großer roter Pfeil nach links scheint uns auch allen Nachdenkens zu entheben. Der Einstieg in den Riß sieht haarig aus und wir entschließen uns zu sichern. In dem Bruch einen Stand zu bauen, ist ein fast aussichtsloses Unterfangen, dauert ewig und hat nur begrenzten Erfolg. Nur kurz ziehe ich an und komme dann doch lieber zurück: Hier ist es noch schwerer, als der Anschein verspricht. Über splittbedeckte, abschüssige Bänder queren wir den halben Weg gen Biwak zurück, eine gute Stunde hat uns der Ausflug gekostet und mit nicht völlig druckreifen Sätzen erläutert mir Dirk seine Meinung über das Klettern ohne Seil, obwohl der Ausblick auf das Eisfeld des Schuttkars tausend Meter unter uns recht grandios ist.
An einer Stelle sieht der Fels gangbar aus und in einer links-rechts-Schleife erreichen wir die Ausstiegskamine, um ideal, direkt am Gipfelkreuz, die Wand zu verlassen. Elfeinhalb Stunden ab Ostwandlager sind keine Spitzenzeit, für uns Ortsunkundige aber wohl noch akzeptabel, dank unseres frühen Aufstehens können wir es uns bei bester Sonne auf dem Gipfel gutgehen lassen. Von Dauer ist das wohlige Beineausstrecken leider nicht, denn wir müssen ja noch runter. Da unser Auto in Königsee steht wollen wir zum Watzmannhaus und am nächsten Tag nach ganz unten, von der gängigen Abstiegsroute zur Wimbachgrieshütte erscheint uns dies zu umständlich. Schmerzlich erfahre ich, warum unsere Abstiegsvariante nicht empfohlen wird. Dirk spielt seine konditionellen Stärken aus und muß deshalb lange auf mich warten. Meine Knie und Oberschenkelmuskulatur bitten mich schreiend um Erlösung, doch der hammerharte Gegenanstieg zum Mittelgipfel steht dem entgegen. Zum Hocheck geht es dann zum Glück etwas gemütlicher, aber der dann folgende Abstieg durchbricht nochmal die akzeptable Masoschwelle.
Quälend langsam kommt die Hütte näher, Essen, Trinken, Schlafen sind die augenblicklichen Sehnsüchte! Drei Bier nehmen wir, obwohl der Körper wohl mehr Flüssigkeit verdient hätte, gesprächig sind wir auch nicht, jeder hängt seinen Gedanken nach, denn die Eindrücke des Tages waren so gewaltig, wie die Wand auch von unten erscheint. Zehn vor halb Zehn liege ich als Erster im Zimmer in meinem Lager, ob noch jemand dort geschlafen hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Olaf Hampe
(aus: Die Kletterpatte 2/1999)