Eine nicht ganz perfekte Gipfelbesteigung: U Lunarda (1276 m)

Die Bavella auf Korsika - wer kennt sie nicht, spitze Felsnadeln wohin man schaut ... und nicht wenige davon noch nie von irgendjemanden bestiegen. Schon dreimal zog es uns im Sommer dorthin und jedes Mal faszinierte er uns schon von weitem: "U Lunarda" zu deutsch "Der Mond".
Ein Fels mit spitzem Gipfelkopf, total abweisend und völlig strukturlos ... unendlich steil und unendlich weit weg. Irgendwann müssen wir da hoch, irgendwann - das war diesen Sommer.

Also Blick in den Klefü, der Normalweg ist nur 5 - klettertechnisch also kein Problem. Aber der Rest der Beschreibung verheißt nichts Gutes: "großartige Bergfahrt, die große Anforderungen an den Orientierungssinn stellt; schwer auffindbarer Steig führt in den dichten Wald."
Na ja nicht gerade völlig unkompliziert, also packten wir, mein Vater und ich, den Kompass und lange Sachen ein und fuhren in Richtung Bavellapass zu dem 488m hoch gelegenem Talort unserer Tour.
Den schon oben erwähnten Pfad fanden wir trotz der Mut zusprechenden Beschrei-bung nicht. Er sollte angeblich im Winter 1989 durch zwei korsische Bergführer mit einer Machete ausgehackt worden sein, sei aber nach 12 Jahren doch schon wieder stark verwachsen. Das glaubten wir wohlwollend und packten den Kompass aus. Da in der Beschreibung erwähnt wurde, dass man sich westlich halten sollte, stürzten wir uns dann halt ohne Pfad in die stachelige Macchia. 20 Minuten später wurde mir klar, warum die Korsen durch zahlreiche Brandstiftungen ihre Macchia in großen Wald-bränden vernichten. Na ja, also blutete ich jetzt überall, wo ich vorher noch nicht geblutet hatte. Jedenfalls hätte ich auch ne' Stunde im Brombeerbusch spielen können und hätte das gleiche erreicht, denn wir standen nun vor einer großen Stei-lstufe und wussten nicht, wo es weiter gehen sollte. Nach 10-minütigem Suchen hatten wir uns endlich ein in der Beschreibung erwähntes Fixseil eingeredet. Als wir das vermeintliche Fixseil erklettert hatten bemerkten wir, dass wir für ein paar ge-trocknete, graue Stöcke diesen Umweg eingeschlagen hatten. Für Außenstehende klingt das vielleicht wirklich ein bisschen dämlich, aber man muss verstehen, dass diese Halluzinationen aus der enormen Hitze (ca. 35 °C) und der Hoffnung auf den richtigen Weg resultierten. Letztendlich umgingen wir diese Steilstufe links und nicht nach rechts, wo wir, wie sich später herausstellte, wieder auf den "richtigen Weg" gekommen wären. Dann stiegen wir wieder, was aber in diesem Gebiet nicht weiter erwähnenswert ist, durch dichte Macchia bergan und man mag es nicht glauben, dass wir auf diesem Weg einen abgehackten Baum fanden, was aber scheinbar nur die Folge eines Wutanfalls eines vorherigen Begehers war (wann auch immer das war), da es der einzige blieb. Dann kletterten wir einfach so, nur weil es die richtige Richtung war, eine Platte hoch und wir waren heilfroh, als wir oben einen Abseilring erblickten. Ich musste ihn anfassen, denn für mich war es nahezu unmöglich, dass wir auf einem markierten Weg waren. Mir war's egal, denn der Weg bis zu einem Bach war nun einfach. In dem Bächlein konnten wir uns noch einmal richtig erfri-schen. Das lief so ab, dass wir zu dem Bach abstiegen und unsere Trinkflaschen rausholten, denn dieses Bächlein hatte den Sommer nicht überlebt und war ausge-trocknet (Schade eigentlich).
Jetzt begann wieder der Kampf Mensch gegen Macchia, den wir nach ca. einer halben Stunde kraftlos gewannen. Das war nach ungefähr 3 Stunden Fußmarsch durch wegloses Gelände, wo uns selbst das Geradeauslaufen schwer fiel.
Nach einer längeren Pause setzten wir unseren Weg fort, der uns in eine "bewaldete Rinne" führen sollte. Doch unsere sächsische Vorstellung einer Rinne wurde uns zum Verhängnis.
Nachdem wir eine Seillänge hochgeklettert waren (die Drecksarbeit durch einen be-wachsen Kamin habe ich meinen Vater machen lassen), standen wir plötzlich auf einem Absatz inmitten von "arschglatten" Platten und mussten uns eingestehen, dass dieses Gelände hier nichts mit einer 5 oder ähnlichem zu tun haben konnte. Prompt seilten wir die eben schwer erkämpften 50m wieder ab.
Also gingen wir einfach noch weiter und erreichten kurz danach eine "Rinne", die eher die Dimension des Elbtales hatte als die einer "sächsisch" vorstellbaren Rinne. Sie war jedenfalls rund 200m breit und von einem natürlich ausgetrockneten Bach "durchflossen". Jetzt kletterten wir relativ unspektakulär durch brüchige Rinnen und über schöne Platten bis unter den Gipfelkopf. Die einzigst nennenswerte Aktion war ein misslungener Mordversuch auf meinen Vater, als ich einen riesigen Stein lostrat, er sich allerdings hinter einem wehrlosen Baum versteckte.
Laut Kletterführer sollte der glatte Gipfelblock (5) mit Bohrhaken abgesichert sein. Doch als wir vor der 10m hohen Gipfelwand saßen, suchten wir die "sportklettermä-ßige" Absicherung doch mit etwas Beunruhigung. Aber wir fanden sie, zwar hatte man sehr gespart und nur einen einzigen Bohrhaken in der Mitte der Wand ange-bracht, der aber reichte um diese aufregende Bergtour genussvoll zu beenden (die-ses Stück durfte ich vorsteigen). Nun war der 1276m hohe Gipfel erreicht.

Der Abstieg verlief durch zahlreiche Abseilstrecken an Bäumen relativ ruhig, nur das untere Stück bereitete uns wieder Probleme. Zwar folgten wir diesmal den Stein-männchen etwas länger, doch da wo die Macchia anfing, schienen auch sie Sachen gepackt zu haben und davon gelaufen zu sein. Jedenfalls stiegen wir, teilweise geduckt rutschend (um wenigstens das Gesicht noch zu retten), teilweise springend, nach unten ab. Dabei hielten wir uns an das Prinzip "Wo Steine sind, kann keine Macchia wachsen" und liefen von Block zu Block.
Unten angekommen waren wir zwar überall zerschrammt, aber sind auch mit einem der seltensten erstiegenen Gipfel der Bavella in der Tasche wieder ans kühlende Meer zu der restlichen Familie gefahren, die sich meiner Meinung nach nicht grund-los und auch zurecht aus diesem Projekt ausgeklammert hatte.

Sebastian Wölfel