Dolomitentouren '95

Etwas frustriert ob des im Schnee steckengebliebenen weihnachtlichen Matterhornversuches und trotzdem auf der Suche nach Bergerlebnissen gelang mir schon im Winter ein Glücksgriff - beim Kauf eines Auswahlführers (Anette Köhler/Norbert Memmel: Dolomiten. Genußklettereien III-VI, Rother Selection, München 1993), dessen Anregungen Lars Streblow und ich im Juli folgten.
Zunächst zelteten wir auf dem Campingplatz in Canazei im Fassatal, nur 20 Autominuten, aber beträchtliche Höhenmeter vom Sellajoch entfernt. Dort oben wollten wir als erste Tour die Sellatürme überschreiten. Nach der Nordwestkante "Steger" (IV+) auf den ersten und der Südwestwand "Kostner" (III+) auf den zweiten Turm, deren Schwierigkeiten an den Schlüsselstellen durch die von den zahllosen Begehern polierten Griffe und Tritte deutlich verschärft worden sind, trieb uns ein aufziehendes Gewitter aus der dritten Seillänge des Südwestwand "Jahn" (IV) am dritten Sellaturm ins Tal zurück. Diese nachmittäglichen Gewitter, teilweise sehr langanhaltend und ausgesprochen heftig, sollten zur zuverlässigen Wetterkonstante werden. Einige Tage später vollendeten wir nach umständlichen Zustieg den Jahnweg doch noch; zum Glück, denn er ist der lohnenste Teil der Überschreitung. Zuvor hatten wir schon die Grohmannspitze (3126m, direkt neben Langkofel und Fünffingerspitze gelegen) über die Südwand ("Dimai/Eötvös, IV) bestiegen - ein alpines Unternehmen in einer großen Wand, dessen langer Abstieg von starken Spannungen (elektrischer Natur) geprägt wurde.
Zum Abschied von der Sella taten wir uns noch die Modetour des Gebietes an: Zweiter Sellaturm - Nordwand "Kasnapoff", V. Ein peinlicher Verhauer (schon in der ersten Seillänge, aber erst weiter oben offensichtlich) warf uns von der pole position auf Startplatz fünf zurück, Folge war natürlich eine Dusche auf dem Gipfel, doch schöne Kletterei u. a. mit einer anspruchsvollen Seillänge Riß begründet die Beliebtheit der Route.
Danach schleppten wir unser Kletterzeug durch dicke Hagelschauer auf die Gartlhütte im Rosengarten zur nächsten Überschreitung. Die Vajolettürme waren Lohn der Mühe: Delagokante auf den Delagoturm (IV+) prächtiges Klettern in herrlicher Exposition an in der frühen Morgenstunde leider etwas kalten Fels; auf den Stabelerturm die Südwand von Rudolf Fehrmann und Oliver Perry-Smith (IV+) mit einem keineswegs leichten Stück Riß und am Winklerturm die Südostwand (IV-) - nicht ganz so berauschend, doch Georg Winklers Soloerstbegeheung von 1887 nötigt immernoch jede Menge Kopfschütteln ab. Am selben Abend fuhren wir dann nach Arco, entspannendes Klettern gelang uns zunächst beim Reibungstraining in Corno di Bo' direkt am Gardaseeufer. Doch schon am nächsten Tag konnten wir es nicht lassen und stiegen ohne Rucksack (ergo ohne Trinkflasche) in die Via Claudia an den Sonnenplatten (450m, frz. V) ein - und wurden von der Sonne erbarmungslos durchgebraten.
Nach den zwei Tagen also nichts wie weg in die kühlere Bergwelt. Die Palagruppe (Hauptort San Martino di Castrozza) ist in Deutschland zwar nicht so sehr bekannt, von Kennern aber dennoch heftigst empfohlen. Aussagen zur erhabenen Kulisse der Türme und Wände der Pala kann ich kaum machen, denn in den drei Tagen unseres Besuches hüllten sich die Gipfel permanent in Wolken und Nebel. Doch zum Klettern ist der Palafels wie geschaffen: Fast ständig große scharfe Griffe, eine rauhe Oberfläche mit hohen Reibungswerten, hauptsächlich sehr festes Gestein und viele Sanduhren in die man klasse Sicherungen fädeln kann. Zwei eindrucksvolle Touren gelangen uns. Die Schleierkante ("Spigolo") auf die Cima della Madonna (Nordwestkante "Langes/Merlet", V+), als Nonplusultra angepriesen ("schönste Klettertour der Kalkalpen") und wirklich ein Genuß. In den letzten beiden Seillängen ereilte uns das obligate Gewitter, hier jedoch besonders unangenehm, da wir dadurch unser Gesellenstück im Wasserfallklettern abzuliefern gezwungen waren. Trotz des quälenden Anmarschs zum Einstieg mindestens genauso berechtigt empfohlen die Westkante des Sasso d'Ortiga (Fritz Wiessner/Kees, V) mit noch längeren Passagen steiler Wandkletterei.
Zum Abschluß sollte dann noch das Bonbon kommen. Auf den Vorsatzblättern unseres Führers ist ein Foto zu sehen, das mich sofort begeisterte - Reibungskletterei an einer riesigen Platte. Deshalb also hin zur abgelegenen Neunerspitze, das Zelt blitzschutztaktisch ordentlich auf der Fanesalm positioniert, trotzdem noch genügend Bangigkeit meinerseits beim Toben der entfesselten Elemente. Am nächsten Morgen stehen wir nicht allzu früh vor der schon wieder trockenen grauen Südwand. 1968 legten Reinhold und Günther Messner u. Gef. hier ihre Direkte Plattenwand hinein, bewertet mit V und als schlecht gesichert ausgewiesen.
Der Einstieg ist sächsisch mindestens VIIb und das technisch anspruchsvollste Stück (was ich aber dort noch nicht weiß). Dann geht es sehr gleichförmig weiter, 140 Meter Reibung, durchgehend Fünf (UIAA) - eine herrliche Route sofern man ausreichend wadenstark ist und die Sache nervlich durchhält. 20m runouts lassen beim langsamen Emporschleichen Zeit zum Überdenken der Konsequenzen eines 40m-Sturzes in einen alten Haken. Man darf halt nicht fallen, Griffe können hier nicht ausbrechen und allzuschwer ist das Steigen zum Glück nicht. Beruhigungszigarette an jedem Stand, schon sehr bald sind die schönen Längen vorbei, der vierte Standplatz ist unsicher und nicht zu verbessern, nochmal Fluchen und dann die letzten 150 Meter hurtig zum Gipfel. Schöner Weg. Schöner Urlaub.

Olaf Hampe
(aus: Mitteilungsblatt 5/1995)