Der Berliner Höhenweg (1999)

So verschieden wie die Mitglieder in unserem Verein sind, so unterschiedlich sind auch die Ziele, die sie sich für ihre sportlichen Aktivitäten vornehmen. Wir, das sind wie im vergangenen Jahr, Hannes Kleda, Klaus Baumgärtel und ich, bereichert durch Ursel Baumgärtel, hatten uns für dieses Jahr den Berliner Höhenweg vorgenommen.
Er durchzieht den Nordabhang der Zillertaler Alpen auf einer Länge von etwa 60 km. Der Weg ist anspruchsvoll und verlangt täglich etwa 1000 m Anstieg und eben soviel Abstieg, da er alle nach Norden ziehenden Seitenkämme quert. In der Nähe der Pässe, die etwa 3000 Höhenmeter erreichen, ist er teilweise versichert. Der Weg ist durch Hütten gut erschlossen, deren Tücke aber darin besteht, daß sie nicht im Tal, sondern schon wieder auf dem Gegenhang stehen und man am Schluß der Tageswanderung noch einmal 200 bis 500 m ansteigen muß.
Die Einschätzungen unserer Vorgänger reichten von wunderschön und unbedingt zu empfehlen bis zu unlohnend, da der Weg trotz seines Namens täglich auf einen neuen Paß führt und nicht oben bleibt.
Das hat uns aber nicht abgeschreckt und so sind wir erwartungsvoll am 3. August mit 2 Autos von Berlin aus aufgebrochen. Wir konnten den Zeitpunkt nicht ungünstiger wählen. Der Wetterbericht prophezeite ergiebige Niederschläge im Süden, die auch prompt hinter Nürnberg einsetzten.
Wir hatten, wie ich es mir schon zur Gewohnheit gemacht habe, eine Zwischenübernachtung im Raum München organisiert, um am nächsten Tag den Aufstieg zur ersten Hütte spätestens am Mittag zu beginnen. Das Quartier kann ich bestens empfehlen: Gästehaus Winklmeier, 85386 Eching, Bahnhofstr. 5, Tel. 089 3192573. Es liegt etwa 1 km von der Autobahnabfahrt Eching ( wenige km vor dem Kreuz München Nord) entfernt, kostet pro Doppelzimmer mit Frühstück zusammen 55,- DM und abends kann man in der Nähe das echte Flair eines bayrischen Biergartens genießen.
Bei strömenden Regen ging es am nächsten Morgen weiter nach Mayrhofen, wo wir am verabredeten Parkplatz unsere Partner trafen. Es ist gar nicht so leicht in Mayrhofen einen Platz für das Auto zu finden. Überhaupt ist der Ort ein furchtbarer Rummelpatz, wo alle Billigunternehmen ihre Busse auskippen. Uns gelang es schließlich den Wagen an einem Hotel gegen Gebühr für die beabsichtigte Woche zu parken. Kostenlos ist es am Schlegeisspeicher möglich, wie wir später erfuhren.
Mit dem Postbus ging es nach Hintertux und immer noch bei Regen knappe 3 Stunden zur Tuxer-Joch-Hütte hinauf. Damit begann der eigentliche Teil unserer Hochgebirgswanderung.
Der zweite Tag ist bei mir immer der schwierigste, was sicher mit der Höhenanpassung zusammenhängt. So zweifelte ich schon bald, ob ich solche Touren überhaupt noch machen kann, da ich hoffnungslos hinter den anderen zurück blieb. Ursel und Klaus zogen los wie junge Gemsen, Hannes hinterher und wenn ich dann am Rastplatz ankam, meinten sie, daß ihnen kalt wird und wir nun weiter gehen müßten.
Kaum hatten wir die gemütliche Geraer Hütte erreicht, begann der Regen von Neuem. Er hielt noch die ganze Nacht über an, dann war er erschöpft. Die Geraer Hütte ist sehr zu empfehlen: freundliche Leitung, warmes Wasser, guter Wein. Sie ist Ausgangspunkt für den Olperer, der aber nicht auf unserem Programm stand.
Die nächste Etappe führte uns über die Alpeiner Scharte - fast 3000 m - hinunter zum Schlegeisspeicher und hinauf zum Furtschagelhaus; d.h. 700 m hoch, 1200 m runter, 500 m hoch. Wir merkten am Abend alle, daß wir etwas getan hatten. Zum Glück waren unsere Rucksäcke 'nur' 12 -13 kg schwer.
Wieder Nebel am nächsten Morgen.Viel einschneidender war aber, daß Ursel uns eröffnete, daß es ihr nicht gut ginge und sie absteigen müsse. Hannes und mir tat es leid; wir hatten uns gerade gut zu viert eingelaufen. Wir beide waren uns aber einig, die Tour fortzusetzen.
Die nächste Etappe führt über das Schönbichler Horn, 2950 m hoch und als Aussichtsberg bekannt, zur Berliner Hütte. Es herrschte dichter Nebel. Die Schneegrenze war auf 2500 m gesunken und wir gingen in ein Nichts. Zum Glück gab es Spuren, ohne die wir vermutlich umgekehrt wären. Wir vermuteten, daß die Vier vor uns den Weg gut kannten, denn es war schwierig, die roten Kennzeichen zu entdecken. Später stellte sich heraus, daß die 4, die aus Wuppertal kamen, genau so neu wie wir waren, nur jünger und mutiger. Wir haben uns dann auf den weiteren Touren recht gut verstanden, wobei sie natürlich schneller waren.
Oben am Schönbichler Horn lagen etwa 10 cm Neuschnee und der auf den ersten 200 Metern versicherte Abstieg war nicht ganz ohne. Leider war oben alles noch im Nebel - also nichts mit der versprochenen schönen Aussicht. Später blieben die Wolken über uns und das Wetter wurde immer schöner. Wir hatten ständig herrliche Blicke auf die Gipfel und Gletscher der Zillertaler und von den Pässen auch weit darüber hinaus.
Vor der Berliner Hütte, unserem Tagesziel, wies ein Schild auf das Hotel Alpenrose hin. Jemand hatte darauf 'für Warmduscher' geschrieben. Die Berliner Hütte wollten wir aber unbedingt kennen lernen. Empfangshalle und Restaurant gleichen einem guten Hotel der Jahrhundertwende - ein anderer sagte: wie eine Moschee. Die Atmossphäre ist unpersönlich, Lager und Waschräume sind primitiv. Einmal sehen reicht, da kann man zu Warmduschelrn werden.
Hauptziel für Viele ist von hier aus der Schwarzenstein über eine nicht allzu schwierige Gletschertour, die aber entsprechende Ausrüstung erfordert. Wir hatten diesen Aufstieg nicht eingeplant und zogen den Höhenweg weiter. Es folgten die Greizer Hütte und dann die Kasseler Hütte. Die Touren ähnelten sich. Wir hatten uns eingelaufen. Das Wetter wurde immer besser und wir genossen die Wanderung durch das Gebirge. Die Hüttenwirte klagten über zu wenig Gäste. Uns war es auch so recht, wir erlebten alles, was wir uns vorgestellt hatten.
Ein Schmankerl zum Abschluß sollte noch einmal der Siebenschneidenweg (Aschaffenburger Weg) werden. Er ist mit 8 -10 Std. Gehzeit angegeben und forderte auch uns alles ab. Ewig geht es durch riesige Blockfelder und eben über sieben Schneiden (Kämme). Doch noch vor Ablauf der 10 Stunden erreichten wir die Karl von Edel Hütte oberhalb von Mayrhofen.
Da wir keinen Ruhetag gemacht hatten, war unser Ziel einen Tag vorzeitig erreicht. So blieb für den nächsten Tag noch die Möglichkeit, die Ahornspitze (2930 m), einen bekannten Aussichtsberg über Mayrhofen, zu besteigen.
Von der Hütte sind es bis zum Gipfel fast 700 Höhenmeter. Ein junger Mann erzählte uns am Abend, daß er in 1:20 Std. oben war. Da er halb so alt war, wie wir, rechneten wir mit gut 2 Stunden. Bei herrlicher Morgensonne, ohne Gepäck mit freiem Oberkörper und kurzer Hose stieg es sich herrlich und es stimmte einfach alles. Und siehe da, in 1:30 war ich oben und dachte, daß ich meine Gedanken vom 2. Tag widerrufen könnte. Ein großartiger Rundblick bis zum Großglockner, zur Zugspitze, zum Wilden Kaiser und über alles, was dazwischen lag, belohnte uns.
Ein gelungene nachahmenswerte Tour für Hochgebirgswanderer lag hinter uns. Es dürfte nicht die letzte Hochgebirgstour gewesen sein. Ideen und Interessenten für das kommende Jahr gibt es schon.

Joachim Schrader