Verschneite Grate, tiefe Täler, steile Hänge und keine fremde Spur so weit das Auge reicht. Die Abende in den urigen alten Schweizer Hütten verstärken noch das Gefühl der Abgeschiedenheit. Die Tessiner Haute Route, vom Bernardinopass nach Locarno, ist eine der einsamsten Skidurchquerungen der Alpen. Nur geschenkt wird dem Tourengeher kein Meter.
Unsere Skitour begann am 20. 04. 2002 auf dem Berliner Ostbahnhof. Um 18:40 Uhr bestiegen Gert Heine und ich den ICE nach Karlsruhe, von dort fuhren wir mit einem anderem Zug über Basel (Bi-Ba-Basel) durch den Gotthardtunnel nach Bellinzona. Um 5:45 Uhr war die Zugfahrt in nicht gefüllten Zügen überstanden. Bellinzona liegt nur auf einer Höhe von 200m am Südrand der Alpen. Hier gedeihen schon Palmen und Oleander in freier Natur. Schnee gibt es nicht mal im Hochwinter. Um 6:07Uhr brachte uns ein leerer Postbus in rasanter Fahrt zum Nordportal des San Bernardinotunnels. Hier beginnt die Haute Route Tessin. Im Gelände auf den Schildern als HRT bezeichnet.
Überhaupt nichts vom imposanten Vater Rhein hat dieses verschneite, mühselig unter Schnee und Eis dahingluckernde Bächlein namens Hinterrhein beim gleichnamigen Örtchen. An seinem Bachbett entlang führt der Weg zur 2276m hoch gelegenen Zapport-Hütte. Mitten durch einen Schießplatz, an 25 Panzern vorbei tragen wir unsere Rucksäcke noch mit den Skiern daran. Zum Glück findet am Sonntag keine Schießübung statt. Nur viele Splitter und auch größere Granatenteile zeigen dem in der Schweiz zum ballistischen Experten gereiften Skitourengeher, dass hier mit 120mm Granaten und MG geschossen wird. Am Ende des Schießplatzes können wir die Ski anschnallen und die Felle aufziehen. Nun geht es über einige Steilstufen, die Zapportstaffel, zügig zur Hütte. Aber Gert kommt nicht hinterher, ich muss lange warten. Als Gert zu mir nachkommt, erklärt sich unser Problem. Die Steigfelle von Gert kleben so gut wie ein trockenes Handtuch. Es sind keine Klebefelle mehr und alle 100m fallen sie von Ski ab. Langsam kommt Gert so bis zur Hütte. Die ganze Tour ist in Gefahr. Gert sucht in der Hütte nach Draht für die Befestigung der Felle. Aber am Abend geschieht ein Wunder. Es kommt noch ein Schweizer mit Reservekleber im Rucksack. Gert kann den Fellen neue Klebekraft geben und ich hacke Holz, koche Suppe und Tee. Später sitzen wir zufrieden und satt um den Ofen, über uns baumeln die Socken und Hemden zum Trocknen. Ein Stillleben ganz nach meinem Geschmack, ein toller Auftakt für unsere Haute Route durchs Tessin.
Schon lange hatte ich vor, diese wegen ihrer Schönheit bekannte Bergwanderung durch das Tessin im Winter als Skitour zu machen. Sie gilt als echte Herausforderung: Alle Hütten sind im Winter unbewirtschaftet, aber offen. Erst am 5. Tag kann man in Airolo Verpflegung einkaufen. Das bedeutet schwere Rucksäcke. Außerdem ist die Gegend völlig einsam und die Orientierung in diesem unübersichtlichen Gelände mit den zahlreichen Passübergängen bei schlechter Sicht schwierig. Der souveräne Umgang mit Karte, Kompass und Höhenmesser ist Voraussetzung dafür, dass man auch bei widrigen Verhältnissen ans Ziel kommt.
Am nächsten Morgen ist blauer Himmel als wir zum 3402m hohen Rheinwaldhorn aufbrechen, dem höchsten Gipfel des Tessins. Der Schnee knirscht unter den Harscheisen, die Querung einer vereisten, steilen Flanke hinauf zur Läntallücke erfordert Konzentration. Schließlich erreichen wir über einen verblasenen, harten Firnrücken den wegen seines großartigen Panoramas bekannten Gipfel. Wir haben Glück. Der blaue Himmel wölbt sich über uns, nur im Westen, Richtung Berner Oberland schieben sich einige Wolken zusammen. Die Abfahrt führt uns über den Bresciana-Gletscher hinab zur Adula Hütte des Schweitzer Alpenvereins im Carassino-Tal. Bis zur Hütte auf 2012m Höhe reichte der Schnee noch zur Abfahrt. Auf der südseitigen Terrasse der Hütte ist schon Frühling und an Schnee nicht mehr zu denken. Wir sitzen in der warmen Sonne, trocknen unsere Sachen und genießen den Blick ins Tal, über 1000m tiefer gelegen. Und dann entdecken wir noch eine ganz feine Überraschung: ein Depot mit Wien und Bier auf Vertrauensbasis. Wir feiern den herrlichen Tag und den netten Hüttenwirt mit einem Schlemmermenü aus der Tüte und einem trockenen Schweizer Rotwein.
Die Sonne lässt die Schneegrate der Berge hoch über uns aufblitzen, während wir noch im Schatten das kalte und bleich wirkende Carassino-Tal in Richtung Campo Blenio hinabfahren. Die Abfahrt endet leider nach 1,5km wegen Schneemangel. So dürfen wir die Ski an den Rucksack binden und das fast 10 km lange Tal hinaus wandern. Ich darf diese Wanderung in den Skistiefeln machen, weil ich aus Gewichtsgründen keine anderen Schuhe mehr hatte. Gert hatte noch ein Paar Turnschuhe und wanderte leichtfüßig davon. Am Ende des Tales geht der Wanderweg durch einen 2km langen Tunnel, der beleuchtet ist (das ist die Schweiz!) und über die Staumauer des Lago Luzzone. An dieser Mauer haben verrückte Schweizer die längste künstliche Kletterroute der Welt eingebohrt. Diese Route ist 168m hoch. In Campo Blenio ist bereits Frühling und die Häuser mit den pastellfarben verputzten Wänden und den schönen Holzbalkonen vermitteln schon südliches Flair. Der Weg führt uns über Almwiesen mit Krokussen und lichte Lärchenwälder hinauf zur Capanna Boverina. Immer wieder genießen wir dabei den beeindruckenden Blick zurück aufs Rheinwaldhorn. Wie bei der Erschließung des Wilden Westens ziehen wir im ersten Teil unserer Haute Route immer westwärts und können dabei immer wieder zurückschauen auf das, was wir schon geschafft haben. Die Capanna Boverina entpuppt sich als sehr moderner Neubau. Holz ist genug vorhanden und so kann der Ofen bullern.
Am nächsten Morgen können wir wieder mit Skiern über festen Altschnee zum Passo di Gana Negra auf 2463m aufsteigen. Auf den Westhängen hinab zur Lukmanierpassstraße ist Skitragen angesagt. Auf der anderen Seite des Tales liegt genug Schnee und so helfen die Ski beim Aufstieg in den Solepass. Von dort geht es mit schwerem Schnee flach hinunter mit Schiebestücken. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir die Capanna Cadagno in 1987m Höhe. Hier wandert viel Holz in die beiden Öfen um den Aufenthaltsraum zu erwärmen und unsere nassen Sachen zu trocknen.
Wir haben weiter Glück mit dem Wetter und auch die Abfahrt hinab zu einer kleinen Ansiedlung von Chalets unterhalb der Hütte sorgt für gute Laune. Alle Fensterläden sind geschlossen. Die schmucken Häuschen sind Urlaubsdomizile von erholungssuchenden Stadtbewohnern. Wie überall im Tessin haben auch in dieser Gegend die Zweitwohnungen und Ferienhäuser im Gegensatz zu den Dauerwohnungen drastisch zugenommen. Inzwischen gehört in den Tessiner Bergen schon jedes dritte Chalet einem Städter und bleibt die meiste Zeit des Jahres unbewohnt. Auch die Bevölkerungszahl ist heute in den Bergen dreimal niedriger als zu Beginn des Jahrhunderts und von den 400 bewirtschafteten Almen der Vierzigerjahre sind gerade noch 100 übrig geblieben. Fast könnte man sagen, dass es Jahr für Jahr im Winter einsamer in den Bergen des Tessins wird.
Wir steigen vom Stausee Lago Ritom, 1850m, über steile
Wiesenhänge wieder auf zum Biwak Föisc, 2208m. Das Biwak ist erst
vor zwei Jahren gebaut worden und befindet sich in einem Top Zustand. Es ist
mit Ofen, Abwaschbecken, WC, Gaskocher, Aufenthaltsraum und Schlafraum für
8 Personen ausgestattet. Sogar ein Schrank mit Getränken ist vorhanden.
Das Biwak liegt auf einer Aussichtskanzel 1200m über dem Tal. Von hier
können wir bereits den Bahnhof von Airolo sehen.
Die Abfahrt am nächsten Morgen führt über optimal geneigte Hänge
durch lichten Wald hinunter nach Airolo, Skifahren zum Jodeln schön. Ich
kann Gert nicht immer sehen, aber ich höre ihn immer. Auf schmalen Waldwegen
fahren wir dann mit wenig Schneeauflage holprig durch den Wald. Zuletzt müssen
wir die Ski noch über sechs Kilometer ins Tal tragen. Wir wissen, dass
dies nur ein kleiner Vorgeschmack ist vom Zustand der tieferen Lagen in den
weiteren Etappen. Darum beschließen wir, der Weiterweg ist etwas für
skitragende Masochisten. Der Schnee reicht selbst bei besten Verhältnissen
nicht bis Locarno. Und wenn doch, dann herrscht überall sonst auf der Strecke
höchste Lawinengefahr. Wir steigen nach fünf Tourtagen wieder in die
Bahn und fahren in die Heimat.
Die ganze Tour geht über 72km und 4000 Höhenmeter. Die Tessiner Haute Route ist eine klassische Skidurchquerung für routinierte Tourengeher. Die Hütten sind nicht bewirtschaftet, aber offen. Die Routenführung ist logisch, aber nicht immer leicht zu finden. Die Gesamtstrecke führt über Airolo als westlichem Wendepunkt bis zum Laggo Maggiore. Der südliche Teil ist wegen regelmäßigem Schneemangel und fehlender Unterkünfte aber eher etwas für Abenteurer. Zweckmäßig ist der Abbruch in Airolo. Ich habe die einzelnen Etappen bewusst nicht detailliert beschrieben, da ich weniger erfahrene Skitourengeher nicht in ein fragwürdiges Abenteuer locken will. Wer sich jedoch die teils langen Tagesstrecken und die schweren Rucksäcke zutraut, erlebt hier eine Haute Route, wie es sie sonst kaum noch gibt.
Eine sehr schöne Tour in der Königsklasse, dem Skibergsteigen!
Skitourenführer Martin Große