Noch nie in Chamonix! Diese Lücke im Fahrtenbuch wollten
Dirk Schröder und ich endlich schließen. Wir finden den preiswertesten
Zeltplatz des Tales in La Praz und verschaffen uns bei einer Wanderung zur Bergstation
der Index-Seilbahn einen ordentlichen Überblick über das Mt. Blanc
- Massiv.
Als erste Tour haben wir uns den Südsüdwestgrat auf die Aiguille du
Moine ausgeguckt, nicht die beste Wahl: Die Couvercle-Hütte ist völlig
überfüllt, laut und stickig, die Route keineswegs eine Modetour wie
versprochen, sondern der jungfräuliche Schnee in den kombinierten Passagen
läßt uns vermuten, dieses Jahr die Ersten zu sein und einige Stellen
sind richtig böse schwer - 5c war annonciert, aber wir sind zufrieden uns
mit den Plastikbotten irgendwie A0 hochzuschummeln, wobei wie von Geisterhand
gelenkt, die üblen Vorstiege an Dirk fallen. Ganz spät am Abend sind
wir zurück in der Hütte und uns einig, nach dieser Ouvertüre
einen Ruhetag zu brauchen.
Schwach anfangen aber dann stark nachlassen könnte man befürchten,
jedoch es kömmt Besserung: Aiguille d'Argentiere (3902 m) Südwestflanke
PD+, 50° um acht Uhr sitzen wir auf dem Gipfel, haben besten Firn, strahlend
blauen Himmel, eine optimale Sicht ins Wallis und (in der anderen Richtung)
zur Aiguille Verte und Mt. Blanc. Sehr zufrieden mit der empfehlenswerten Tour
gehen wir zurück nach Argentiere. Unten empfängt uns eine hervorragende
Wettervorhersage und stürzt uns in Zweifel: Sollen wir die vernünftige
Akklimatisierung vorantreiben und dabei das schöne Wetter vergehen sehen
oder einfach zuschlagen? Spatz oder Taube, Hand oder Dach - wir entscheiden
uns jetzt und gleich für den Normalweg auf den Mont Blanc ohne weitere
Akklimatisation und begraben unsere Ambitionen auf schwerere Routen. Mit der
Bahn nach St. Gervais und der Tramway du Mont Blanc zum Nid d'Aigle. Der Weg
zur Gouter-Hütte erweist sich entgegen der Beschreibung als gängig,
oben dann aber Überraschungen. Kein Wasserhahn in der ganzen Anlage! Für
15 Emm erstehe ich drei Liter Mineralwasser und bis dreiviertel elf schmelzen
wir mit meinem Billigkocher noch Schnee, dafür finden sich im Aufenthaltsraum
problemlos Plätze für die Isomatten, zudem kostenlos. Halb eins ist
die "Nacht" zu Ende, es ist recht frisch und der Firn gut gefroren,
alsbald ziehe ich die Goretex-Jacke an und entscheide mich dann auch für
Steigeisen. Der Weg ist unproblematisch, jedoch rückt das Ziel nur sehr
langsam näher. In der Vallot-Hütte räumen wir die Rucksäcke
aus, Seil, Sitzgurt etc. bleiben dort, nur Biwaksack, Fleecejacke, Trinkflasche
und einige Müsliriegel kommen mit. Die Höcker des Dromedars überraschen
mich mit ihrer Steilheit und Dirk entfleucht meinen Blicken. Bis zum Gipfel
zieht es sich ewig hin - Stapfen, Stapfen, Stapfen. Zwischenzeitlich werde ich
fast depressiv, ob der Gestalten die mich überholen, sooo schwach hätte
ich mich vorher nicht eigeschätzt. Pünktlich zum Sonnenaufgang um
Sechs steht Dirk auf dem Gipfel, ein schlechtes Gewissen und die Kälte
treiben ihn mir wieder entgegen, doch für die letzten zehn Minuten lasse
ich mir nicht den Rucksack abnehmen, wie er mir anbietet - soviel Stolz darf
sein.
Oben ist dann mal etwas obener - in den Alpen ist kein Gipfel höher. Von
der Aig. d'Argentiere war die Aussicht deutlich besser, mit meiner Leistung
bin ich nicht recht zufrieden, so wird meine Stimmung auch nicht euphorisch.
Den Rückweg haben wir uns dann schwerer als nötig gemacht, weil wir
nicht einfach retour gingen, sondern der Empfehlung unseres Führers folgend
von der Vallot-Hütte den Abstieg über Grand Mulets wählten. Gewiß
hatten wir gelesen, daß dieser Abstieg länger sei, seine beinahe
Endlosigkeit wurde aber eher unterbetont, ebenso der Zustand des Gletschers:
Nicht erst La Jonction ist höllisch zerrissen, das Drama geht schon vorher
los, wer sich im Khumbu wohlfühlt, mag darüber lachen, aber uns hat
es ziemlich genervt.
Das Wetter hält und wir machen weiter: Per Seilbahnen zur Turiner Hütte
und dort gebührensparend unser Zelt aufgestellt. Wieder hinreichend früh
geht es los zur Aiguille de Rochefort, der gleichnamige Grat (AD, II) ist schon
ein Erlebnis, aber nicht grenzwertig, sondern gut machbar. Um abseits des ganz
Normalen zu kommen, wollten wir den Grat vollständig bis zum Dome de Rochefort
weitergehen, doch auf ziemlich genau halben Wege, nach einer kurzen Passage
Blankeis, kommen Dirk Zweifel ob der fortgeschrittenen Stunde, aufgeweichten
Firns und schwierigen Rückwegs. Umdrehen, denn Gegenrede fruchtet nicht;
ich bin ein wenig sauer, weil der vollständige Rochefort-Grat greifbar
und es kaum zu spät war: Umgekehrt schlag neun Uhr früh - verstanden
habe ich es noch immer nicht.
Die Programmänderung hätte uns genug Zeit für den Dent du Géant
gegeben, nur lag unser Kletterzeug unten im Zelt. Das's Pech, darob am nächsten
Tag wieder 500 Hm hinauf zum Einstieg. Halb acht stehen wir dort (spätes
Einsteigen mittags/nachmittags wird wegen der Westexposition empfohlen) und
sind mittendrin im Gewühl, Klettergartenandrang auf einen 4000er. Irgendwann
sind wir dann auch mal dran und die Kletterei ist herrlich: Recht locker um
eine Kante aufwärts dann schon anspruchsvoller eine Verschneidung hoch;
danach geht es ab - entschärft allerdings durch dicke Fixseile, die wir
ignorieren - an Handrissen eine Platte hoch, schon recht anspruchsvoll. Doch
dann wird es härter, weil senkrecht: Mittels schmaler Leistchen aufwärts
- abseits der Fixseilroute und deshalb nur klemmkeilgesichert und schon durchaus
die annoncierte 5+. Dann trifft der freie Weg wieder die Trossenpiste und eine
Rißverschneidung zieht gipfelwärts. Alle beobachteten Seilschaften
hangeln sich hier hoch. Ehrgeiz raus und schon mein dritter Versuch sieht vielversprechend
aus - bis zum Abtropfpunkt. Mit Ausruhen und Konzentration wäre die Stelle
zu machen, Dirk ist am Standplatz den Nachrückenden und -drängenden
ausgesetzt und besteht auf seinen Einsatz, ist erstaunlich schnell bei mir und
löst unter Absonderung lokomotivischer Geräusche das Problem im ersten
Anlauf. Kurz unterhalb der Pointe Sella müssen wir ewig warten, weil etliche
der Begeher einfach nicht in der Lage sind, normal und zügig seilschaftsweise
den Gipfel zu erreichen. Beim Rückweg tritt das Problem der individuellen
Unfähigkeit noch deutlicher zutage - absolute Anfänger, die sich nicht
abseilen können, waren auf dem technisch schwersten 4000er der Alpen, der
nur durch die überflüssigen Fixseile seines Ranges beraubt wird.
Im Engadin steht noch ein Sack herum und deshalb fahren wir nach Pontresina,
doch dort hört unser Wetterglück auf - knapp drei Wochen Sonne sind
genug meint Petrus und wir kommen wieder nicht auf den Piz Bernina. Als Ausklang
des schönen Urlaubs ziehen wir uns auf dem Rückweg dann noch zwei
Tage im Fränkischen die Finger lang.
Olaf Hampe
(aus: Die Kletterpatte 2/2001)